„Warum feiern wir eigentlich all diese alten Feiertage, die jeder gerne als Freizeit annimmt? Diese Tage, auf die man sich freut, weil endlich mal die Arbeit liegenbleibt, die jeder mit seinen eigenen Ritualen, Gewohnheiten, Experimenten und Erwartungen füllt und von denen tatsächlich die meisten Menschen vergessen haben, warum wir sie immer begehen“ (1). So schreibt es der Theologe, Moderator, Sänger, Schauspieler und Autor Julian Sengelmann in seinem Vorwort zur Spurensuche nach den Ursprüngen und der Bedeutung unserer christlichen Feiertage.  Diakonin Kristina Ashoff hat sich mit dem ehemaligen Reformationsbotschafter der EKD per Zoom getroffen und mit ihm über Feiertage, Freiheit, Reformation, Veränderung und Gnocchi gesprochen.
Eine gekürzte Fassung ist im aktuellen Gemeindebrief (September-November 2022) zu lesen.
KA: Welchen Sinn haben unsere christlichen Feiertage?
JS: Ich würde sagen, Feiertage funktionieren mindestens auf zwei Ebenen: Zum einen geht es um den eigentlichen Anlass – da gibt`s ja wundervolle, absurde, ganz tolle Feiertage, und manche, die sich aus sich selber erschließen, und manche eben nicht. Und auf der anderen Seite gibt es bei Feiertagen immer eine strukturelle Komponente: Wir brauchen Alltagsunterbrechungen. Und das ist ja in der Bibel schon wundervoll angelegt: Am siebten Tag ruht Gott, und guckt so und sagt „Sehr gut, was ich gemacht habe“.  - Also mindestens zwei Dinge: Den Anlass und die strukturelle Komponente. Deswegen brauchen wir Feiertage. 
KA: Du hast in deinem Buch geschrieben: „Wir leben in einer Unzeit“. Was meinst du damit? 
JS: Wir sind anthropologisch so angelegt, dass wir einen Rhythmus haben. Und manchmal hat man ja für sich selber das Gefühl, man kommt in ein Ungleichgewicht. Wir haben ganz tief in uns drin ein Verständnis davon, dass alles seine Zeit hat. Es gibt ja auch diesen wundervollen Spruch aus der Bibel „Alles hat seine Zeit“. Eigentlich spüren wir das, aber gesellschaftlich verhalten wir uns dagegen. Wenn ich nachts noch mal raus muss, dann checke ich nachts um drei meine Mails. Warum? Auch, weil es gesellschaftlich so erwartet wird. Wir müssen immer erreichbar sein, wir müssen selber immer an allem teilnehmen, weil wir eine verkürzte Kommunikation haben. Also leben wir in einer Unzeit. Und das merken wir. Und deswegen sind wir häufig auch gestresst. Wenn wir mehr auf unseren eigenen Rhythmus hören würden, oder auf den Rhythmus des Kirchenjahres, hätten wir das besser mit den Pausen raus.
KA: In einigen Arbeitsbereichen ist ein freier Feiertag gar nicht möglich (in Krankenhäusern, Hotelwesen, ÖPNV, Kirche…). Passen die Feiertage dann noch in unsere Zeit, wenn nicht alle die Chance haben, ihn zu feiern?
JS: Man muss ja nicht alleine die Welt retten. In echt sind wir ja relativ viele. Und wir können uns abwechseln, sodass jeder mal freihaben kann. Das ist ja auch wichtig und auch gesetzlich vorgesehen. Klar gibt es Leute, die an Feiertagen arbeiten. Wir teilen auch gar nicht alle miteinander alle Feiertage. Was glaubst du, warum in Hamburg an Weihnachten immer nur Menschen Taxifahrer/innen sind, die nicht christliche Feiertage feiern?! Es gibt ja genug von uns. Und das ist ja das Wundervolle an Vielfalt. 
KA: Du hast dich für eine TV-Reihe auf Feiertags-Spurensuche begeben – gab es dabei eine Entdeckung, die dich überrascht hat? 
JS: Alle! Ich kann das wirklich jedem empfehlen. Ich war ja vor allem in Israel, und ich habe jeden Tag tausend kuriose Dinge, Wunder und Abenteuer erlebt. Überhaupt nach Israel zu reisen, da Menschen zu treffen, und gerade als sehr norddeutscher Protestant ist es schon ganz toll zu sehen, wie die unterschiedlichen Spielarten im Christentum eigentlich sind, wie ekstatisch die arabischen Christen feiern… Es war toll. 
KA: Gibt es einen Feiertag, mit dem du so gar nichts anfangen kannst?
JS: Es gibt bei mir immer so unterschiedliche Kategorien, wie ich auf Feiertage gucke. Manches von den katholischen Geschwistern erschliesst sich mir halt nicht, weil es nicht meiner Frömmigkeit entspricht, wie Fronleichnam – ich würde das gerne besser verstehen, aber ich habe dazu zu wenig Berührung. Also es gibt manches, das verstehe ich nicht, aber alles hat ja seine Berechtigung. 
KA (schmunzelt): Fronleichnam war ja auch genau der Feiertag vor deiner Lesung bei uns, den du gar nicht auf dem Schirm hattest. 
JS (lacht): Bei euch wusste ich ja noch nicht mal, wo ich war…
KA: Feiertage – klingt nach fröhlich feiern. Allerheiligen, Allerseelen, der „abgeschaffte“ Buß- und Bettag und zum Schluss Totensonntag klingen eher melancholisch-düster. (Warum) Brauchen wir auch solche Feiertage?
JS: Allerheiligen ist der überraschendste Feiertag für mich, auf den ich neidisch bin bei den katholischen Geschwistern. Allerheiligen ist wundervoll! Nicht, weil es da um Heiligenverehrung geht, das ist ja für uns Protestanten nicht so richtig ein Thema. An Allerheiligen geht es eigentlich darum, dass die unbekannten Heiligen des Alltags eine Form von Würdigung erfahren. All die Menschen, von denen du gerade gesprochen hast, die 24 Stunden im Krankenhaus sind, versuchen, Menschenleben zu retten und für Menschen da zu sein – eigentlich geht`s um die! Und das finde ich ganz toll. Sowas brauchen wir viel mehr! Viel mehr die Menschen im Blick haben, die hinter den Kulissen alles tun… Das ist Allerheiligen für mich, kein düsterer Feiertag, sondern ein wundervoller, sehr fröhlicher Feiertag. Und trotzdem: Genau die Feiertage, die vermeintlich erstmal düster sind, die brauchen wir unbedingt. Warum? Weil es in unserem Alltag viel zu wenig auf dem Schirm ist, dass wir alle traurig sind. Gefühle sind nicht qualitativ bewertbar, sondern die haben wir einfach alle. Wir beurteilen das immer so, als dürfte es nur gute Gefühle geben und der Rest ist irgendwie doof. Aber auch Trauer ist ja ganz wesentlich in uns veranlagt. Wir brauchen diese Form von Innehalten und Zulassen, dass wir als Menschen auch dunkle Seiten haben, dass wir traurig sind. Und dass das nicht beschämend ist oder wir uns schuldig fühlen müssen, sondern im Gegenteil! Und deswegen sind diese Feiertage umso wichtiger. Denn das gehört auch zum Thema „Leben feiern“ - in der Vielfalt all dessen, was wir durchmachen.  
KA: Hast du einen Lieblingsfeiertag?
JS: Allerheiligen! Wirklich – mit dieser Komponente, die namenlosen Heiligen des Alltags zu würdigen, finde ich Allerheiligen wirklich toll. – (schmunzelt) Ich hätte Reformationstag sagen müssen, nicht? 
KA: Wenn du dir einen Tag als Feiertag wünschen dürftest – welcher würde das sein?
JS: Im säkularen Bereich gibt es sowas wie „Earth Day“ oder „Freedom Day“ – sowas fände ich eigentlich toll. Gerade aus der Perspektive, dass ich ja wahnsinnig privilegiert bin. So einen allgemein verpflichtenden Tag, an dem wir alle, egal, welcher Religion du zugehörig bist oder eben nicht zugehörig bist, uns besinnen darauf, was für Schindluder wir treiben mit der Erde oder welche Schurkenstaaten es gibt – so was fände ich echt gut.
KA: An Weihnachten sind die Kirchen brechend voll, und dann tauchen ganz viele Menschen wieder für ein Jahr ab. Müssen und können wir als „Kirche“ die Feiertage dazwischen wiederbeleben?
JS: Ich bin ja ein Fan davon, andere Fragen zu stellen. Das ist ein bisschen wie die Frage „Wie kriegen wir sonntags um 10 Uhr Leute in die Kirche?“, und die Frage finde ich verständlich, aber nicht produktiv. Wenn die Leute sonntags um 10 Uhr nicht in die Kirche kommen wollen, dann wollen sie halt sonntags um 10 Uhr nicht in die Kirche kommen. Dann muss man vielleicht ein Angebot machen, das nicht sonntags um 10 Uhr ist, sondern mittwochs um 19.30 Uhr. Und das würde ich genauso auch für die Feiertage sagen. Die Leute müssen ja nicht zu den Feiertagen zu uns kommen – wir können ja auch zu denen kommen. Das wäre doch eigentlich viel schöner. Oder wir können uns nach draußen stellen, eine Feuerschale anmachen und den Grill hinstellen und trotzdem Gottesdienst feiern. Ich glaube, dass wir als Kirche ganz viel inhaltlich mitbringen, was nach wie vor unendlich wertvoll ist, dass wir aber Inhalt und Form nicht mehr zusammenbringen. Die Leute müssen nicht zu uns kommen zu den Feiertagen und so – wir können zu den Leuten gehen. 
KA: 31. Oktober – Reformationstag, der vor 5 Jahren ein Feiertag war. Du warst Reformationsbotschafter der EKD. Was beeindruckt dich heute, 500 Jahre später, an dem damaligen Reformationsgeschehen?  
JS: Das unheimliche Bedürfnis, das Luther hatte, Glauben zugänglich zu machen für Menschen – das ist ja eine unendliche Form von Aufklärung. Das auf der einen Seite. Und auf der anderen Seite: Je mehr wir wissen, desto mehr zu verstehen, was wir als Institutionen eigentlich für Schindluder treiben. Luther wollte nicht, auch wenn das nach wie vor ein kursierender Mythos ist, eine neue Religion gründen, er wollte den Katholizismus entschlacken. Und dann zu verstehen: Über diese Aufklärung haben wir einen Begriff von Freiheit, der nach wie vor gültig ist, wir verantworten uns vor allem vor Gott und erkennen einen gnädigen Gott – das sind so fundamentale Lebensweisen. Das stellt ja ein Leben auf den Kopf: Das Verständnis, dass ich nicht in Angst leben muss, sondern ein geliebtes Kind Gottes bin. Das zu verstehen und sich daran zu erinnern in den großen Zweifelsmomenten - das sind die Dinge, die mich nach wie vor beeindrucken. Und Luther hat das eben alles gemacht in unendlicher Lebensbedrohung!
KA: Wären das auch die Botschaften, die der Reformationstag heute an uns hat: Freiheit, geliebtes Kind Gottes…?
JS: Ja. Ich habe das Gefühl – und deshalb ist es auch so schön, dass der Reformationstag nicht nur das Jubiläum erfahren hat, sondern in manchen Bundesländern auch immer noch ein Feiertag ist -, dass wir uns klarwerden müssen, wie zerbrechlich Freiheit ist. Wir sehen das jetzt gerade in der Ukrainekrise, wo ein Land in ein anderes Land einfällt, Existenzen zerstört und diese Menschen unfrei sind. Wir hören das Säbelrasseln von China vor Taiwan, wo dasselbe nochmal passiert. Freiheit ist ein so fragiles Gut, ein so kostbares Gut, dass wir sie verteidigen müssen und aufstehen müssen dafür. Und wir müssen auch verstehen: Meine Freiheit hört da auf, wo die Freiheit von jemand anderem von mir beeinträchtigt wird. Freiheit hat ja ein multidimensionales Selbstverständnis. Und das ist wichtig. Ich bin ein unendlicher Fan von „Simul iustus et peccator“, also „Wir sind zugleich Sünder und Gerechtfertigte“ – wir streben alle danach, die ganze Zeit unendlich viel zu sein. Wir arbeiten so hart, um Dinge zu kaufen, die wir nicht brauchen, damit wir Leute beeindrucken, die wir eigentlich nicht mögen, und das ist das Hamsterrad, in dem wir in unserer unendlichen turbokapitalistischen Gesellschaft gefangen sind. Aber zu erkennen: Erstmal sind wir gut gemacht und müssen gar nichts werden, weil wir alles schon sind - das finde ich einen tollen Zuspruch.
KA: Du hast bei deinem Besuch bei uns gesagt „Wir dürfen scheitern und müssen nicht gescheitert bleiben“.
JS: Ja, das liebe ich auch sehr.
KA: In deinem neuen Buch „Glaube ja, Kirche nein?“ (2) hast du geschrieben, dass der Wunsch nach Veränderung zumindest in der DNA der ev. Kirche angelegt ist. Welche Veränderungen brauchen wir heute, 500 Jahre nach Martin Luther, ganz dringend? 
JS: Wichtig ist es zum einen, dass wir dieses Motto, das wir uns immer auf die Fahne schreiben, „Ecclesia semper reformanda“ (die Kirche muss sich immer verändern, Anm.d.R.) -was tatsächlich gar nicht von Luther kommt, sondern von Karl Barth- wirklich verstehen. Wir sagen das zwar immer, aber wir machen es nicht. Und es ist natürlich Quatsch, zu sagen „Wir sind ja die Kirche der Veränderung, aber verändern wollen wir uns nicht“ und „Das war ja schon immer so“. Und dann: Andere Fragen stellen! Wir stellen die ganze Zeit irgendwelche Fragen, die darauf beruhen, dass wir ein System erhalten wollen, das vielleicht nicht mehr funktioniert oder nicht mehr in Gänze so funktioniert. Und deswegen: Andere Fragen stellen. Ich glaube, dass es hilfreich ist, zu verstehen, wie wir mit Menschen kommunizieren. Alles, über das wir jetzt miteinander gesprochen haben, ist ein Kommunikationsgeschehen. Bei der Kommunikation, die von uns ausgeht, kann ich ja alles dafür tun, dass die Menschen erstmal meine Sprache verstehen können. Also: Andere Fragen stellen, besser kommunizieren, klarer sein, kürzer sein, und verstehen, dass wir Kirche bei den Menschen sind, mit Menschen, durch Menschen, für Menschen. Das ist wirklich wichtig. Und keine Angst haben. Diese ewige Angst! Wir müssen uns nochmal deutlich machen: Noch -noch, Freunde!– ist alles gut. Wenn wir jetzt verstehen, dass wir jetzt was ändern können -denn noch sind Menschen in der Kirche, noch fühlen sie sich zugehörig, zumindest zum Teil-, dann jetzt nicht so viel Angst haben! Und dann Dinge mit Freude gehen lassen. Wir dürfen scheitern. Wir müssen aber nicht gescheitert bleiben. Das gilt auch für unsere Kirche. 
KA: Wenn der Wunsch nach Veränderungen ein so elementarer Wesenszug unserer Kirche ist – warum tut sich „Kirchens“ dann oft so schwer mit Veränderungen?
JS: Veränderungen fallen halt schwer. Das ist ja völlig institutions- und religionsunabhängig. Wir sind so wahnsinnig bequem. Ich glaube, es ist auch so ein geiler Denkfehler: Wir haben ein eigentlich unlogisches Selbstverständnis von Festhalten an Dingen. Und das gilt für Kirche auch. Die Frage ist doch nicht, was müssen wir tun, damit die Leute sonntags morgens in die Kirche kommen, sondern die Frage ist, warum kommen sie nicht? Und was können wir machen, was sie gut finden? Aber wir haben dieses unlogische Festhalten an Dingen. Und warum? „Ja, das war schon immer so…“ Das sitzt in unserem Gehirn und ist einfach unlogisch. Es gibt ein wunderbares Buch, das heisst „Am anderen Ende der Sonnenallee“, und da gibt es so in etwa den Satz „Wer ein schlechtes Gedächtnis hat, hat eine gute Erinnerung“. Und das gilt für uns als Kirche auch. Wir sehnen uns zurück nach einer Vergangenheit, die es vermutlich so nie gab. 
KA: …die gute alte Zeit…
JS: Ja genau! Früher war alles besser. Auch unlogisch! Wir wissen, dass früher gar nicht alles besser war. Früher hatten wir keine Polio-Impfung, und schmutziges Trinkwasser; früher haben wir unseren Unrat aus unseren Nachttöpfen auf die Straße gekippt. Natürlich war früher nicht alles besser! Früher war alles viel härter, aber in unserer verklärten Betrachtung dessen kommt uns die frühere Zeit viel leichter vor. Das ist, glaube ich, bei Kirche auch häufig so: (ironisch)„Früher – ja früher waren die Kirchen immer voll!“ (wieder ernst) Früher gab es nicht mal eine Heizung in der Kirche. Früher war es kalt, und der Pfarrer -denn Pfarrerinnen gab es noch gar nicht- stand auf der Kanzel und hat von Sünde gesprochen. Das war früher besser? Das ist die Vergangenheit, nach der wir uns zurücksehnen? Das glaube ich nicht. Also: Weniger unlogisch sein! – (grinst) Sorry, ich rede mich voll in Rage hier…
KA (grinst): Ist doch super! – Eine Anekdote zu „Das war schon immer so“: Du hattest ja bei deinem Besuch gefragt, warum das Bügeleisen im Schrank steht (Anm.d.R.: in Grevenbrück) – das gehört der Frauenhilfe.
JS: (lacht) Ja siehste mal! Vielen Dank für`s Aufklären, denn die Frage hat mich begleitet… Aber guck mal, auch an der Stelle: Wie kommuniziert man das? Wenn das Bügeleisen ein wichtiges Item ist bei euch, wenn es von der Frauenhilfe stammt und repräsentativ steht für die tolle Arbeit, die man gemacht hat oder macht, dann muss man das kenntlich machen. Sonst werden sich die Leute fragen „Warum steht ein Bügeleisen bei euch??“
KA: Wie sieht denn deine Vision von einer zukunftsfähigen Gemeinde aus?
JS: Die sieht gut aus! Ich glaube, erstmal wird die wirklich gut. Dann ist, glaube ich, die überraschend einfache Geschichte: Menschen zu fragen, was sie suchen. Vielleicht stellt sich heraus, wenn man sie fragt, dass sie antworten „Wir wollen aber gerne sonntags um 10 im Gottesdienst sitzen“ – kann ja auch sein. Und dann wertet man aus, was viele davon suchen. Wir dürfen nicht den Fehler machen, alles anzubieten, weil wir dafür keine Kapazitäten haben, sonst gehen wir alle kaputt. Und: Der Ursprung der christlichen Kirche ist eine jüdische Sekte. Und Kirche -bei all den unterschiedlichen Formen und Gemeinschaften, die wir haben-, Kirche ist immer erstmal ein Kommunikationsgeschehen. Eine jüdische Sekte, die miteinander am Feuer saß, über Glauben und Zweifel gesprochen hat, und Brot und Wein geteilt hat - das ist die Keimzelle von Kirche. Und es kann manchmal helfen, sich das wieder zu verdeutlichen. Denn am Ende sind es immer die Momente, wo du communitas hast, wo du Gemeinschaft hast, wo du vor der Kirche sitzt, ein Bier trinkst, einen Salat isst, und Gnocchi, und über deinen Glauben redest. Kirche ist erstmal ein Kommunikationsgeschehen auf Augenhöhe, wo man sich nicht schämen muss, sondern wo man ehrlich, ernsthaft Glauben und Zweifel und Hoffnungen und das Leben in all seinen feierwürdigen Lebensaspekten miteinander teilen kann. Wenn wir das wieder verstanden haben, dann ergibt sich daraus wirklich ganz viel. Das heisst auch, dass wir über kurz oder lang darüber nachdenken müssen: Wie kann Mitgliedschaft funktionieren? Die beiden großen Geschwisterkirchen sind der zweitgrößte Arbeitgeber in Deutschland, natürlich brauchen wir Verwaltung, Strukturen und Mitgliedschaft, und natürlich müssen wir überlegen, wie wir das alles finanzieren können. Aber für so eine Denkbewegung „Wie sieht Gemeinde aus?“ könnte es hilfreich sein, zu sagen: Gnocchi draußen auf dem Kirchhof und dabei über das Leben reden.
KA: Du hast dir nach deiner wunderbaren Lesung bei uns viel Zeit genommen für Gespräche, für Draußensitzen mit Gnocchi... Gibt es einen Wunsch / einen Rat, den du unserer Gemeinde mit auf den Weg geben möchtest?
 JS: Das ist ja eine gute Frage! Weisst du, ich komme ja als Zaungast, und dann reden wir und ich werfe wilde Thesen in den Raum und dann fahre ich am nächsten Tag weg… Von all dem, was ich mitbekommen habe – dein Engagement, euer Engagement, dass ihr da unten diesen Keller habt, wo ihr Versorgung macht (Trödelkiste in Grevenbrück, Anm.d.R) – ich finde das toll. Ich habe mich sehr wohlgefühlt bei euch und ich finde, ihr macht -von dem, was ich mitbekommen habe- da eine tolle Arbeit. Deswegen: Vielleicht weniger Bügeleisen in Vitrinen stellen und so. Und mit breiter Brust sagen: „Wir machen hier eine tolle Arbeit“. 
KA: Vielen Dank für deine ganzen Antworten!!  
JS: Danke dir!

Literatur:    
(1)    Julian Sengelmann, „Feiertag! Die Bedeutung unserer christlichen Feste“
Rowohlt Verlag, Hamburg 2017
(2)    Julian Sengelmann, „Glaube ja, Kirche nein? Warum sich Kirche verändern muss“
Rowohlt Verlag, Hamburg 2020